Warum Führungskräfte Kata machen sollten ...



Um Kata zu üben, braucht man in erster Linie Achtsamkeit und Selbstdisziplin. Und deshalb wird auch genau dies geschult. Es geht darum, die Form, die Vorgabe, nachzuvollziehen, bis ins Detail. Üben Judoka eine Kata, üben sie eine bestimmte Form, die sie mit ihrer Person und Persönlichkeit ausfüllen. So wird jede Kata für den Laien gleich aussehen und doch wird sie erst stimmig, wenn der Übende selbst in der Form aufgeht, die Kata zu "seiner" Kata macht. Nicht schneller, höher, weiter, sondern erst einmal langsamer und genauer, um zu verstehen, was man eigentlich macht.

Kata ist vielleicht am ehesten vergleichbar mit Tanzen oder Eiskunstlauf, jedoch mit dem Ziel die "Show", die glitzernden Effekte aus der Darstellung der Form zu verbannen. Es geht bei Kata immer ums Wesentliche, um die Auseinandersetzung zwischen mir selbst und der Technik bzw. den zu Grunde liegenden Prinzipien. Je künstlicher, "nachgeahmter" die Kata, desto weiter weg ist man vom Ziel!

Als Führungskraft können Sie viel vom Kata-Üben lernen, nämlich ob Sie am Wesentlichen arbeiten. Oder sind Sie "im Schweinsgalopp" an Ihren Themen, ohne zu spüren, wie es Ihnen und Ihren Mitarbeitern dabei geht. Sind Sie sich selbst und Ihrem Gegenüber achtsam und aufmerksam? Nur dann können Sie etwas bewirken! Nur dann entfaltet sich Sinn aus dem, was Sie machen!

Häufig sind wir zu schnell, zu ungenau, oder haben zu viel Energie aufgewandt. Alles typische Fehler, die man gut durchs Kata-Training erkennen kann. Das penible auf die Form achten "entschleunigt", man kann nicht mehr darüber hinweg täuschen. Ganz deutlich wird jeder Schritt, den man macht und Fehler werden offensichtlich. Das ist die Gelegenheit Richtiges und Falsches zu spüren und unterscheiden zu lernen. Das Richtige geht leicht, ohne Aufwand! Das Falsche will man schnell hinter sich bringen, vertuschen. Mit Aufwand, Energie und Kraft sich selbst beweisen, dass man es doch kann. Das Richtige will man gern wiederholen, das Falsche nicht. Es strengt an, nervt, ist langweilig, scheint zu unterfordern. Deshalb "veralbert" man das Richtige und macht sich selbst lieber schnell ein X für ein U vor.

Beim Judo hat man Glück, wenn man einen erfahrenen Trainer hat, der einen zurücknimmt, der hilft den längeren, unbequemeren Weg zu gehen. Das Wesentliche liegt im Detail und erst, wenn man bereit ist, diese Details zu erkennen, kommt man in die Lage das Ganze zu sehen.
Als Führungskraft sind Sie oft auf sich allein gestellt. Es hilft nur die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und Feedback.

Wie können wir Kata üben bzw. anwenden?

Immer, wenn wir auf die Form achten, aufs Wesentliche schauen, Prinzipien in unserem Handeln bewusst werden lassen, immer wenn wir noch mal und noch mal das Gleiche üben, damit uns immer mehr bewusst wird, was wir eigentlich machen, dann machen wir Kata.

Beispiel: Aktives Zuhören
Beim Aktiven Zuhören versuchen wir den Kern, das Wesentliche des Gesagten, herauszuarbeiten. Wir versuchen uns in die Lage des Gesprächspartners zu versetzen, spiegeln, paraphrasieren, Fragen nach, immer und immer wieder. Wir haben Kontakt mit uns und mit dem Gesprächspartner und mit der Zeit näheren wir uns dem Verstehen der eigentlichen Botschaft. Manchmal passiert es, dass dann z. B. ein Mitarbeiter ein Aha-Erlebnis hat: "Ja, genau! - Wenn ich recht darüber nachdenke, dann meine ich eigentlich ...! Und das ist es, was mir so wichtig ist!"

Führungskräfte oder Mitarbeiter haben zur Haltung des Aktiven Zuhörens häufig eine skptische Sicht: "Ach, das ist so künstlich! Da wiederholt der eine das, was der andere eben schon gesagt hat. Das bringt doch nichts! Und ich wäre ja eine schlechte Führungskraft, wenn ich nicht wüsste, was mein Mitarbeiter meint. Deshalb plappere ich nicht nach, sondern antworte direkt. Das haben die Mitarbeiter auch viel lieber!"

Diese Einwände sind exakt die gleichen, die häufig Spitzen-Judokämpfer über Kata sagen: Künstlich, fern der Realität, das bringt mir nichts im Wettkampf, ich kann die Techniken eh schon, etc.

Warum scheuen sich die Judoka vor Kata und die Führungskräfte vorm Aktiven Zuhören? Der Judokämpfer und die Führungskraft haben das gleiche Bild: "Schlimm, wenn ich (nach all den Jahren) noch nicht die Techniken beherrsche bzw. meine Mitarbeiter nicht verstehe!" Und was nicht sein darf, das erlaubt man sich auch nicht. Also tun beide so, als könnten sie die Techniken bzw. das Verstehen. Und deshalb wollen Judoka und Führungskraft sich auch nicht selbst auf den Prüfstand stellen. Und wenn sie von einem Trainer in eine solche Übungssituation kommen, veralbern sie die Übung. Man macht Scherze, um am Ende sagen zu können: "Ja, seht ihr, das Ganze bringt doch nichts, das hab' ich doch schon vorher gewusst!"

Als Psychologe weiß ich, Aktives Zuhören hilft dem Verstehen. Wir müssen dafür sorgen, dass Aktives Zuhören ernsthaft geübt wird. Die Ernstahftigkeit ermöglicht eine andere Aufmerksamkeit, ein sich Einlassen. Das ist die Voraussetzung zum besseren Verstehen. Nur so kommt man aufs Wesentliche, kann man den Kern verstehen. Mit diesen Erfahrungen ausgestattet wird der Sinn des Aktiven Zuhörens plötzlich nachvollziehbar. Aktives Zuhören ist genauso wenig lösungsorientiert wie Kata. Man möchte nur verstehen. Aus dem Verstehen heraus können Lösungen entwickelt werden.

Jetzt wissen Sie, welchen großen Zusammenhang ich zwischen Kata und Aktivem Zuhören sehe. Kata und Aktives Zuhören sind sehr künstlich und nicht immer anzuwenden, aber kämen wir ohne ihre Übung besser zu unseren Zielen? Kata so verstanden, findet sich bestimmt in vielen weiteren Facetten Ihres Führungs-Alltags.

Welche Parallelen sehen Sie? Wo stimmen Sie mir zu, wo nicht? Welche Anregungen möchten Sie machen? Schreiben Sie mir, dass ich Ihre Gedanken hier weiter veröffentlichen kann!


Lars Lange, Judo, Psychologie, JudoPsychologie, larslange, Führung, Kommunikation, Berater, Führungskraft